Der letzte Atari-Computer: Der Falcon 

Atari Falcon030

Inhaltsverzeichnis

Geschichte
Auf der CeBIT '92 wurde der seit 1991 entwickelte und als Heimcomputer konzipierte FX-1 erstmals vorgestellt, der den mittlerweile veralteten ST beerben sollte. Bereits ein halbes Jahr später feierte der Computer als Falcon 030 auf der Atarimesse in Düsseldorf Weltpremiere. Um die Veröffentlichung machte Atari seinerzeit ein Riesengeheimnis, die Strategie „No Comment“, die von den Atari-Verantwortlichen verfolgt wurde, trug auch nicht unbedingt zur Verbesserung des mittlerweile beschädigten Ansehens der Firma bei den Anwendern bei. Die Produktion des Falcon übernahmen mehrere Drittanbieter, da Atari im Juli 1991 seine eigenen Werke in Taiwan geschlossen und verkauft hat. Offiziellen Schätzungen zufolge verkaufte sich der Falcon bis Herbst 1993 rund 14000 Mal, davon konnten allein 7000 Geräte in Deutschland abgesetzt werden. Im Laufe des Jahres 1994 wurde der Vertrieb des Computers eingestellt, da sich Atari voll auf die Vermarktung der Spielkonsole Jaguar konzentrieren wollte. Dem Rückzug Ataris aus dem Computermarkt fielen weitere Entwicklungen wie die Microbox und der Falcon 040 zum Opfer, eine kurzzeitige Wiederbelebung mit dem Projekt Painter, welches Falcon und Jaguar in einem Multimedia-Gerät vereinen sollte, wurde schon bald wieder beendet. 1995 erwarb die Softwarefirma C-LAB Digital Media GmbH aus Hamburg eine Lizenz an der Falcon-Hardware und ließ beim Falcon-Hersteller EFA Corporation eigene Versionen unter den Bezeichnungen Falcon MK-I, Falcon MK-II und Falcon MK-X fertigen, die noch bis in die 2000er Jahre vertrieben wurden.

Modelle
FX-1 Sparrow
Prototyp des Falcon, etwa ab 1991 entwickelt. Hier kommt noch TOS 2.07 zum Einsatz. Das Gehäuse, das dem des 1040ST gleicht, wurde dunkelgrau eingefärbt, von dieser Farbgebung blieben beim Falcon nur die Tastenkappen und die Farbe des Typenschilds übrig.

Atari FX-1
Der FX-1 Prototyp


Falcon 030
Die fertige Version des FX-1 wurde im August 1992 als Falcon 030 erstmals auf der Atarimesse in Düsseldorf vorgestellt, sie wurde im Januar 1993 in Europa und erst im Juni 1993 in den Vereinigten Staaten auf den Markt gebracht. Der Falcon sollte der Nachfolger der STE-Computer werden. Eingesetzt wurde wieder ein Motorola 68030, ein damals gängiger Prozessor, getaktet mit 16 MHz. Der zusätzlich eingesetzte Digital Signal Processor (DSP) sorgt für die damals ungewöhnliche Multimedia-Fähigkeit des Computers.

Atari Falcon 030
Der Falcon 030


Falcon 030 Microbox
Zusäzlich gab es Pläne, den Falcon in einem anderen Gehäuse zu stecken und einige Veränderungen am Mainboard vorzunehmen. So sollten z.B. auch drei Erweiterungssteckplätze darauf Platz finden. Das Gehäuse wurde später etwas verändert von Sony für deren Konsole PlayStation 2 wiederverwendet, was auch in deren Anmerkungen zum Patent angegeben wurde.

Atari Falcon 030 Microbox
Gehäuse der Falcon 030 Microbox, daneben die Standardversion der Sony PlayStation 2


Falcon 040
Der Falcon 040 sollte das neue Flaggschiff werden. Er sollte – nachdem der TT/X nicht verwirklicht wurde – zusammen mit der Microbox der erste TOS-Computer mit mehreren Erweiterungsplätzen werden. Zudem wurde nun die aktuelle 68040-CPU verbaut. Als Betriebssystem wurde TOS 4.92 verwendet, von dem bis heute nur die Beta-Version existiert. Der Falcon 040 fiel dem Rückzug Ataris aus dem Computermarkt zum Opfer.

Atari Falcon 040 Mainboard
Mainboard des unfertigen Falcon 040 – Bild: atarimuseum.com


Projekt Painter
Ein weiteres, spät begonnenes Projekt war das Projekt Painter, welches den Falcon-Computer und die Spielkonsole Jaguar zu einem Multimedia-System vereinigen sollte. Vorgesehen waren ein internes CD-ROM-Laufwerk mit nach oben öffnendem Deckel, ein Diskettenlaufwerk an der Vorderseite und drei Erweiterungssteckplätze mit Ausgang nach hinten. An der Vorderseite finden sich Anschlüsse für Tastatur, zwei Joystickports, ein ComLynx-Anschluss, Tasten zum Ein- und Ausschalten und zur Lautstärkeregelung und eine zweifarbige LED. Das Gehäuse ähnelt stark dem der Microbox und kann wie dieses vertikal oder horizontal aufgestellt werden. Die Hardware kam schließlich mehr oder weniger stark verändert in einigen Arcadespielen der Schwesterfirma Atari Games Corporation unter dem Namen CoJag zum Einsatz.

Atari Painter
Gehäusestudie des Projekts Painter – Bild: atarimuseum.com


C-LAB Falcon MK-I und MK-II
Die deutsche Softwarefirma C-LAB Digital Media aus Hamburg erwarb 1995 eine Lizenz an der Falcon-Hardware und ließ bei EFA in Taiwan eigene Versionen des Computers fertigen. Der Falcon MK-II wurde an einigen Stellen modifiziert, so erhielt er eine interne SCSI-Festplatte mit 512 MB Kapazität anstelle der von Atari verbauten 80 MB-IDE-Platte sowie serienmäßig 14 MB Arbeitsspeicher. Zudem erfolgte eine Anpassung der Audio-Ein- und Ausgänge an den Line Level: In-/Output-Level –10 bis +4 ;dB, Frequenzgang ±0,5 dB linear, Geräuschspannungsabstand >80 dB. Der MK-II erhielt zudem auch neue AD-/DA-Wandler aus dem HiFi Bereich.

C-LAB Falcon MK-X
Das letzte Modell der Falcon-Computer wurde ebenfalls von C-LAB Digital Media im Jahr 1996 auf den Markt gebracht und brachte nochmals einige Verbesserungen gegenüber dem Vorgängermodell Falcon MK-II mit sich. Statt des angestaubten Tastaturgehäuses wurde der MK-X in ein Vollmetall-Desktopgehäuse gesetzt, die Tastaturen der Mega ST-, TT- und Mega STE-Computer können verwendet werden – oder mit entsprechendem Wandler auch eine Standard PC-Tastatur. Dazu kommen ein Anschluss für ein Soundpool SPDIF- oder ADAT Interface direkt im Gehäuse sowie zwei 6,3mm Klinkenbuchsen als Audioanschlüsse. Der Neupreis eines MK-X mit Mega ST-Tastatur betrug etwa 3000 DM – vergleichsweise viel, wenn man bedenkt, dass ein Computer mit 100 MHz-Pentium, CD-ROM und Windows 95 nur etwa 2000 DM kostete.

Aufbau des Systems
Das Herz des Falcon sind der mit 16 MHz getaktete Hauptprozessor Motorola 68030 und der Digitale Signalprozessor Motorola 56001 mit 32 MHz. Trotz der 32-Bit-CPU setzt der Falcon auf einen 16 Bit breiten Datenbus und einen 24 Bit breiten Adressbus, was den Prozessor ausbremst und den Arbeitsspeicher auf maximal 14 MB begrenzt. Der DSP schafft 16 MIPS und ist direkt an den Arbeitsspeicher und den Codec angeschlossen, er sollte hauptsächlich die Audioausgabe steuern, kann aber auch die Videoausgabe unterstützen – beispielsweise Fraktalberechnung, 3D-Projektionen und JPEG-Dekomprimierung. Zusammen mit dem 68030 und der entsprechenden Software ist sogar das Abspielen von MP3-Audiodateien in Echtzeit möglich, obwohl es das Format zu dieser Zeit und in dieser Form noch gar nicht gab.

Ein weiterer wichtiger Baustein der Falcon-Systemarchitektur ist der Grafikchip VIDEL als Nachfolger des ST-Shifters, der mit einer Taktrate zwischen 25 und 50 MHz arbeiten kann, im Falcon in der Regel mit bis zu 32 MHz arbeitet. Ausgebremst wird aber auch dieser Chip durch den recht langsamen Arbeitsspeicher, den sich der Videochip zudem mit dem übrigen System teilen muss, da, wie beim ST üblich, kein eigener Videospeicher zur Verfügung steht. Insbesondere Videowiedergabe in hoher Auflösung kann den Falcon so schnell an seine Grenzen bringen. Der Computer bietet einen 16-Bit True Color-Modus mit 65536 gleichzeitig darstellbaren Farben, der Prozessor arbeitet in diesem Modus jedoch nicht auf voller Leistung und schafft nur 3,84 MIPS statt 5,76 MIPS.

Zusätzlich zur nach außen geführten SCSI-Schnittstelle befindet sich im Inneren eine IDE-Schnittstelle, an die in der Regel die interne Festplatte angeschlossen ist. Der Vorteil am IDE-Bus war damals vor allem der Preis, SCSI-Laufwerke waren um einiges teurer als IDE-Pendants, dafür aber zum Teil auch erheblich leistungsfähiger.

Ausgeliefert wurde der Falcon mit dem neuen Betriebssystem TOS 4, schon kurz nach Veröffentlichung wurde das Multitaskingsystem MultiTOS auf Diskette mit beigepackt, welches dann auf die Festplatte installiert werden kann.

Schnittstellen
Zum Einsatz kommen beim Falcon sowohl vom ST bekannte Schnittstellen als auch einige neue Anschlussmöglichkeiten.

Atari Falcon Anschlüsse
Atari Falcon Anschlüsse links
Schnittstelle Ausführung
DSP D-Sub-Buchse Typ HD26, 26-polig
Headphone Klinke, 3,5 mm
Microphone Klinke, 3,5 mm
SCSI D-Sub-Buchse Typ HP50, 50-polig
Monitor D-Sub-Buchse, 2-reihig, 19-polig
Television Cinch
Printer D-Sub-Buchse Typ DB25, 25-polig
Modem D-Sub-Buchse Typ DE9, 9-polig
LAN MiniDIN-Rundstecker, 8-polig
MIDI out Rundstecker DIN41524, 5-polig
MIDI in Rundstecker DIN41524, 5-polig
Cartridge Steckkarte, 40-polig
Controller B D-Sub-Buchse Typ HD15, 15-polig
Controller A D-Sub-Buchse Typ HD15, 15-polig
Mouse / Joystick 0 (Unterseite) D-Sub-Buchse Typ DE9, 9-polig
Joystick 1 (Unterseite) D-Sub-Buchse Typ DE9, 9-polig


Technische Daten des Falcon 030
Systemarchitektur
  • CPU: Motorola 68030
  • 5,76 MIPS Rechenleistung in der niedrigsten Auflösung
  • Integrierte MMU für Speicherschutz/-verwaltung
  • Separate, integrierte 256-Byte-Instruktions- und Daten-Caches
  • Voneinander unabhängige Adress- und Datenbusse zur Geschwindigkeitssteigerung
  • Pipeline-Architektur
  • Bus: 32-Bit Adressen, 32-Bit Daten
  • Optionaler arithmetischer Coprozessor Motorola 68881 oder 68882 bei 16 MHz
  • RAM: 1, 4 oder 14 MB ST-RAM, TT-RAM bis 256 MB
  • ROM: 512 kB intern, optional 128 kB extern (Modul)
Digitaler Signalprozessor
  • Motorola DSP56001
  • 16 MIPS Rechenleistung bei 32 MHz
  • 32 kWords RAM ohne Wait-States
  • DSP-Interface erlaubt Anschluss von 19.200 bps-Modems mit Fax- und VoiceMail-Optionen, direkte Sound- und Musikaufnahme auf Festplatte, schnelle Bildkompression nach JPEG/MPEG
Erweiterungsbus
  • Interner Prozessorsteckplatz für PC-Emulation mit 386SX-Prozessor
  • Optionaler Prozessorsockel für weitere Coprozessoren
Tonerzeugung
  • 8 digitale 16-Bit-Audio-DMA-Kanäle zur Aufnahme und Wiedergabe mit einer Sampling-Rate bis zu 50 kHz
  • Digitale Tonausgabe per DMA in Stereo mit 16 Bit
  • Digitale Tonaufnahme per DMA in Stereo mit 16 Bit
  • SDMA Sound- und DMA-Coprozessor
Grafik
  • SVGA: 640 × 480 mit 256 Farben
  • True Color Modus mit 16 Bit erlaubt Darstellung von bis zu 65.536 Farben
  • Akzeptiertes externes Synchronsignal für hochqualitatives Video-Genlocking
  • Overlay-Modus für einfaches Erstellen von Video-Betitelung und Spezialeffekten
  • Optionales Overscan
  • 262.144 mögliche Farben
  • Hardwareunterstütztes horizontales Feinscrolling
  • Grafischer Coprozessor Blitter
Anschlüsse
  • SCSI II-Interface mit DMA
  • LAN, LocalTalk-kompatibel
  • Anschluss für RGB- und Composite-Video Monitore
  • RS232C Serieller Anschluss
  • Paralleler Druckeranschluss
  • Modulschacht
  • MIDI in/out
  • Stereo-Mikrofon-Eingang
  • Stereo-Audio-Ausgang
  • 2 9-Pin Joystick-Anschlüsse
  • 2 15-Pin Extended-Joystick-Anschlüsse
Speichermedien
  • 1,44-MB-Diskettenlaufwerk, 3½ Zoll, MS-DOS-kompatibel
  • optionale interne 2½"IDE-Festplatte
Tastatur und Maus
  • Standard-Tastatur mit 95 Tasten, davon 10 Funktionstasten
  • separate numerische und Cursorsteuerungs-Blöcke
  • Eigener Tastaturprozessor (Hitachi HD6301)
  • 2-Tasten-Maus
Systemsoftware
  • Pre-emptives Multitasking mit adaptiver Priorisierung (MultiTOS)
  • Interprozess-Kommunikation durch Nachrichten und Pipes von MultiTOS
  • Hierarchisches Dateisystem mit Unterverzeichnissen und Pfadnamen
  • Auf Symbolen basierende grafische Benuteroberfläche mit selbsterklärenden Kommandofunktionen
  • Online Hilfssystem
  • Betriebssystem TOS (Versionen 4.01, 4.02 oder 4.04) resident im ROM
  • Fensterorientierte Steuerung durch den Benutzer, Icons als Dateisymbole, Drop-Down-Menüs
  • Desktop NewDesk und erweiterbares Kontrollfeld XControl erlauben maßgeschneiderte Oberflächengestaltung
Vorgestellt März 1992 als FX-1
August 1992 als Falcon 030
Im Handel Januar 1993 (Westeuropa)
Juni 1993 (USA)
Produktion eingestellt 1994 (Original-Falcon)
1995 (C-Lab Falcons)
Hersteller Golden Horse (für ATMC, Seriennummer B3…)
ECS Tamsui (für ATMC, Seriennummer B5…)
Ta Yuan (für die EFA Corporation, Seriennummer Y4…)
Neupreis bei Erscheinen
Produzierte Stückzahl ca. 20.000


Peripherie
Aus dem Hause Atari gibt es bereits zahlreiche Peripheriegeräte, die auch am Falcon verwendet werden können. Eine Übersicht gibt es hier:

Letzte Seitenbearbeitung: 19. April 2019